Rezension: Don Juan de la Mancha oder die Erziehung der Lust

Don Juan de la Mancha oder die Erziehung der Lust - Werner Hoffmann
Don Juan de la Mancha oder die Erziehung der Lust - Werner Hoffmann
Exkurs: Wissen Sie was „recte Meerrettich" ist? Fragen Sie Christa.

Gegen die Zeit kann man nicht ankämpfen. Die Zeit ist älter und unendlicher als der Mensch. Sie ist einfach da. Unendlich. Kann man gegen die Liebe ankämpfen? Menasse macht seine Welt mit Worten unendlich. Das Buch, 274 Seiten dick, der Einband farblich ansprechend, der Titel verheißungsvoll, der Umschlagtext literarisch, der Untertitel lockend.

In Robert Menasses Don Juan de la Mancha finden wir die Hauptfigur Nathan gleich auf der ersten Seite in einer verfänglich anrüchigen Situation wieder. Suchen sie einen Rebellen aus Liebe, einen Lebenskünstler, dem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, einen Egomanen mit Herz für andere, einen konservativen Sittenstrolch? All diese Ambivalenzen finden sie in Menasses Neuem. Ein Feuerwerk an Menschsein. Lebensnah und realer, wie sonst nur die wahre Welt sein kann. Ein Suhrkamp um rund 20 Euro, die sich lohnen. Doch machen sie sich gefasst auf zynischen Wortwitz, schnellatmige Spannung, bereiten sie sich auf „Kalauern“ und Kürzestkapitel vor. Und gehen sie mit all zu saloppen Zeitsprüngen nicht zu hart ins Gericht.

Karmasutra oder Lebensweisheit?

Einer gegen Windmühlen: Das Motto des neuen Romans vom mittlerweile in der wiener Literaturszene zum Kultautor ungekrönte Kaiser des amphibischen Schreibens. Menasse fühlt sich in jeder Lebenslage zuhause, aber in der Liebe scheint er besonders gerne etwas sagen zu wollen.

Ohne mit Spaß und Lebensfreude zu geizen schwingt die Unleichtigkeit des Seins in jedem Kapitel mit. Der Erzähler, also Nathan, ist unter Menasses Feder kein Symbol für freie Liebe oder romantische Lebensqualitäten. Wenngleich die vielen eindeutigen und uneindeutigen, gelungenen und gescheiterten, erotisierenden oder amüsanten Situationen und herzaufwühlende Dramen nicht gerade rar sind in Menasses massentauglichem Bestselleranwärter. Nein, das Ich Nathan stellt vor allem einen Archetypus Mensch dar, der versucht mit Vergangenem und Vergänglichkeit in Einklang zu kommen.

Wie das Neugeborene aus dem wärmenden Mutterleib gerissen wird, so wird Nathan aus seiner Jugendlichkeit gerissen.

Menasse im Menasse?

Als phallische Lanze fängt Menasse sein alter-ego-nahes Ich ein und lässt es gegen die unbarmherzigen Windmühlen der Zeit ankämpfen. Der um den sich die ganze Geschichte dreht, versucht sich in Form einer Reportage als retrospektives Therapiegespräch über fehlendes Lustempfinden. Gleichzeitig muss er einen Spagat zwischen Leben, Liebe, Freundschaft und Sex schaffen um den sich die Zeit gnadenlos weiter dreht.

Fazit

Der gediegene Menasse-Leser wird sich entzückt zurücklehnen und das Buch voll Genugtung aufsaugen, denn es liest sich so flott wie Butter in der Sonne schmilzt. Der Neuling im menassichen Liebesversum jedoch wird es voller Begeisterung hinunterschlingen. Jede Seite wie der würzige Hauch einer Scharfen Chillishote, getunkt ihn wohlig erfrischendes Joghurt. Das Gefühl beim Lesen mitten Drin zu sein erkennt man erst dann, wenn man bereits mittendrin ist. Menasse versucht nichts zu erzwingen, er beginnt nicht zu künsteln oder zwanghaft zu erotisieren und „schmutzig“ zu wirken. Er macht Situationen natürlich, nachvollziehbar und greifbar. Er erzählt ganz unbefangen und locker einfach seine Geschichte. Drückt Gefühle aus, die wir alle kennen oder kennen lernen werden. Die Geschichte wirkt zeitlos, spielt mit Grundsätzen der Philosophie, Politik und Liebe und bleibt. Doch trotz des omnitemporalen Charakters der Thematik bleibt Menasse explizit historisch und trifft damit all den Schmerz und das Schöne seiner Generation. Don Juan de la Mancha ist flott, erfrischend, erotisierend und leicht wie die Liebe selbst. Würzig und Schlagfertig. Er schwafelt nicht, er kommt auf den Punkt und wirft oft noch ein Schäuflein subtilen Humor dazu. Am Ende verlangt man nach Fortsetzung, nach mehr – und irgendwie doch nicht, denn alles hat ein Ende. Doch man wünscht sie sich – denn Menasse ist klasse.

Exkurs: Am Ende des Buches - keine Fragen. Aber lesen sie selbst.

  • Robert Menasse: Don Juan de la Mancha oder die Erziehung der Lust. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2007
Werner Hoffmann, Werner Hoffmann

Werner Hoffmann - Ausbildung und Studium: Sept. 1993 - Juni 2002 | BRG 7 WienOkt. 2002 - Nov. 2009 | Publizistik- und Kommunikationswissenschaft / ...

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